Hölzel-Journal

Wirtschaftskundliches Seminar

WIRTSCHATSKUNDLICHES SEMINAR Folge 40: Standortfaktoren

16. Februar 2019

Von: Wilhelm Malcik und Reinhard Schachermeier

Mag. Wilhelm Malcik und Dkfm. Mag. Reinhard Schachermeier Das WIRTSCHAFTSKUNDLICHE SEMINAR ist eine „Fortsetzungsgeschichte“ zur Vertiefung wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftspädagogischer Kenntnisse. Jedes neue HÖLZEL-JOURNAL setzt das Seminar in kleinen Einheiten als Download fort und folgt damit in überarbeiteter Form dem Handbuch zur Wirtschaftskunde in vier Bänden, wie es von 1990 bis 2001 bei Ed. Hölzel in mehreren Auflagen erschienen ist.

13. Standortfaktoren

Die Wirtschaftstheorien sind in der Regel auf eine „raumlose Welt“ ausgerichtet. Daher spielt das Standortproblem in der mikroökonomischen Theorie nur eine untergeordnete Rolle. Die Wahl des richtigen Standortes gehört aber zu den entscheidenden Aufgaben, die im Hinblick auf einen optimalen Wirtschaftserfolg gelöst werden müssen.

Die Frage nach dem optimalen Standort stellt sich für jedes Unternehmen, das einen Betrieb neu gründen, verlagern oder erweitern will, aber auch für die öffentliche Hand bei der Ansiedlung jeder öffentlichen Einrichtung. Auch ein privater Haushalt trifft Standortentscheidungen, wenn er eine Wohnung bestimmter Qualität und Größe sucht.

Die Art der Standortwahl ist vielfältig: Sie beginnt (bei transnationalen Unternehmen) mit der Wahl eines Staates, innerhalb dessen eine Region gewählt werden muss. In dieser Region muss ein lokaler Standort gefunden werden, in dem das beste verfügbare Gelände zu bestimmen ist. Dabei können für den Sitz der Verwaltung und für Produktionsbetriebe verschiedene Standorte sinnvoll sein. Schließlich sind innerbetriebliche Standortentscheidungen zu treffen. Darunter versteht man die räumliche Anordnung von Produktionsanlagen oder Betriebsabteilungen innerhalb des Betriebsgeländes.

Bestimmungsgründe und Auswahlkriterien bei der Standortwahl werden als Standortfaktoren bezeichnet.

Standortfragen haben nicht nur betriebswirtschaftliche Bedeutung. Besonders bei größeren Betrieben bedeuten Standortentscheidungen Eingriffe in die Wirtschaftsstruktur ganzer Regionen und beeinflussen damit die Existenzbedingungen der Bevölkerung.

13.1 Arten der Standortwahl

 Zunächst ist zu unterscheiden, ob ein Betrieb seinen Standort frei wählen kann oder ob er an einen bestimmten Standort gebunden ist.

Bei freier Standortwahl muss aus einer Fülle von Standortkriterien der optimale Standort ermittelt werden. Dieses Optimum besteht in der günstigsten Kombination aller Standortfaktoren, weil in der Regel jedes positive Kriterium zugleich negative Einschränkungen anderer Kriterien mit sich bringt. Daher handelt es sich bei der Standortwahl um eine komplexe unternehmerische Entscheidung, bei der zwischen mehr oder weniger Standortalternativen gewählt werden muss.

Beispiel: Eine Supermarktkette will in einem neu erschlossenen Wohngebiet eine neue Filiale eröffnen. Unter dem Aspekt der Absatzorientierung und der Verkehrsmöglichkeiten wird ein Grundstück am Rand des Wohngebietes günstig sein. Sollten aber die Bodenpreise gerade für dieses Grundstück sehr hoch sein, ist abzuwägen, welche Gewinnerwartung (auf Grund der Absatznähe) die hohen Investitionskosten (für den Grundstückskauf) rechtfertigt.

Mit diesem Beispiel soll deutlich werden, dass Standortfragen nicht ausschließlich unter dem Kostenaspekt zu sehen sind. Lange Zeit betrachtete die Standortlehre nur die Kostenseite der Standortfaktoren, wobei die Transportkosten besonders berücksichtigt wurden.

Heute spielen in der modernen Standortlehre nicht nur die Kosten für die Leistungserstellung, sondern auch Fragen der Leistungsverwertung eine wesentliche Rolle. Hohe Gewinnerwartungen können allenfalls hohe Kosten durchaus rechtfertigen.

Standortfaktoren sind Vorteile, die ein bestimmter Ort für die Leistungserstellung (Produktion) und für die Leistungsverwertung (Absatz) bietet.

Bei gebundenen Standorten scheiden einige Standortfaktoren von vornherein aus. Der mögliche Standort ist entweder an natürliche oder an rechtliche Bedingungen gebunden. Landwirtschaftliche Betriebe oder Bergbauunternehmen sind extrem an natürliche Standorte gebunden: an Boden, Gelände, Wasser, Lagerstätten usw. Unter rechtlichen Bindungen versteht man gesetzliche Vorschriften und Auflagen für die Betriebe (z.B. Steuern, Umweltschutzbestimmungen, arbeits- und baurechtliche Bestimmungen, Ladenöffnungszeiten im Handel usw.).

Standortentscheidungen sind langfristige Entscheidungen. Ungünstige Entscheidungen sind in der Regel wegen der einmal getätigten hohen Investitionen oder wegen der Ortsgebundenheit der Facharbeiter und Führungskräfte nur schwer rückgängig zu machen.

13.2 Klassische Standortfaktoren

Die erste bemerkenswerte Darstellung auf dem Gebiet der Standorttheorie ist eine Untersuchung von Heinrich von Thünen ("Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie", 1826). Sie beruht auf der Annahme einer isolierten Stadt als Konsumzentrum. Das Hauptinteresse dieser landwirtschaftlichen Standorttheorie ist auf die Struktur der Bodennutzung gerichtet. Die Bodennutzung wird dabei als eine Funktion der Distanz zu diesem Konsumzentrum betrachtet. Um die Bedeutung der Transportkosten deutlich zu machen, wird eine völlig homogene Fläche angenommen.

 

Abb.: Thünensche Kreise

In den thünenschen Kreisen ergeben sich je nach Entfernung vom Markt (also der Lage nach) intensitätsmäßig entsprechend verschiedene Nutzungen und Wirtschaftsweisen – vom Marktort aus ringförmig nach außen (von der intensivsten Form zur extensivsten).

Kernelemente des thünenschen Modells ist die Bodenrente, die zur räumlichen Differenzierung der Bodennutzung führt. Renten entstehen dadurch, dass bei gegebenem Marktpreis ein bestimmter Leistungsprozess (z.B. Anbau von Weizen auf gutem Boden) geringere Kosten verursacht als ein anderer, gleichartiger Leistungsprozess (Anbau von Weizen auf schlechtem Boden). In diesem Fall bezieht der Landwirt mit dem guten Boden eine Bodenrente, weil der Landwirt mit dem schlechten Boden mehr Betriebsmittel und Arbeit (Düngung, Bodenbearbeitung, Be- oder Entwässerung usw.) einsetzen muss, um ein gleiches Einkommen zu erwirtschaften. Dieser Vorteil für den billiger produzierenden Betrieb stellt eine Rente dar.

Einkommen, die „zusätzlich“ und ohne direkten Leistungseinsatz entstehen, werden als Renten bezeichnet.

Die Bodenrente sinkt mit der Entfernung vom Markt, weil höhere Transportkosten die Vorteile marktnaher Produktion zunichte machen. Die Produktion liegt umso näher zur Stadt, je intensiver (kostenaufwändiger) die Landnutzung (Gartenbau) oder je größer der Transportkostenanteil an den Produktionskosten (Holzgewicht) ist.

Die Thünenschen Kreise (auch Ringe) stellen ein rein formales Schema dar, das durch die Dynamik der Wirtschaft Änderungen unterworfen ist. So wäre z.B. auf Grund der gestiegenen Holzpreise und moderner Transporttechniken der Bereich der Forstwirtschaft heute zweifellos woanders einzuordnen. Holz verträgt heute eine wesentlich größere Entfernung vom Markt. Dennoch haben Untersuchungen auf internationaler und regionaler Ebene, aber auch auf der Ebene eines Dorfes oder eines einzelnen landwirtschaftlichen Betriebes die Zonenbildung nach Thünen im Wesentlichen bestätigt.

Die klassische (traditionelle) Standortlehre betrachtete Standortfragen als Fragen der Transportkosten. Grundlegend dafür waren die Arbeiten von Alfred Weber (1909). Die zentrale These Webers besagt, dass die Standortwahl eines Industriebetriebes bestimmt wird vor allem durch

  • die Materialpreise an den Bezugsstandorten,
  • die Produktpreise an den Absatzstandorten,
  • die Arbeits- und Bodenkosten am Betriebsstandort und
  • die Transportkosten vom Betriebsstandort zu den Bezugs- und Absatzstandorten.

Der optimale Betriebsstandort ist dort, wo die geringsten Gesamtkosten anfallen. Damit wird das Standortproblem auf das Problem reduziert, den tonnenkilometrischen Minimalpunkt zu ermitteln. Dabei ist zwischen Reingewichtsmaterial (Material, das mit vollen Gewicht in die Produktion eingeht, z.B. Mineralwasser) und Gewichtsverlustmaterial (Material, das während der Produktion teilweise oder ganz verloren geht, z.B. Erz, Energieträger Kohle, Erdgas) zu unterscheiden.

Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die Transportkosten jedoch keineswegs als lineare Funktion der räumlichen Distanz. Transportkosten setzen sich nämlich aus zwei Komponenten zusammen: aus einer von der Distanz unabhängigen Komponente (Verladekosten, Verpackungskosten, Verwaltungskosten) und einer reinen Trans-portkostenkomponente. Distanzunabhängige Kosten stellen also fixe Kosten dar, die auf mehroder weniger Kilometer zu verteilen sind. Daher ist es im Transportgewerbe üblich, für längere Transporte niedrigere Frachtraten pro km zu berechnen. Daraus ergibt sich eine Kostendegression bei längeren Transportwegen.

Abb. Frachkostenzonenbildung

Die klassischen Standortkriterien trafen weitgehend für die Rohstoff verarbeitende Industrie in der Frühphase der Industrialisierung zu. Generell ist die Bedeutung der Transportkosten in den letzten Jahrzehnten aber erheblich gesunken.

Bei den traditionellen Standortfaktoren spielen die Transportkosten jedoch die entscheidende Rolle.

Klassische Standortfaktoren

1. Materialorientierung (Rohstofforientierung): Standort richtet sich nach den niedrigsten Transportkosten für die Beschaffung der erforderlichen Materialien. Besondere Bedeutung haben Transportkosten, wenn zur Produktion mehr Rohstoff benötigt wird, als im Endprodukt enthalten ist (Gewichtsverlustmaterial wie Kohle). Dieses Gewichtsverlustmaterial wird meist nicht transportiert, sondern es wird am Fundort dieses Materials produziert. Der Gegensatz dazu ist das Reingewichtsmaterial, das voll in das Endprodukt eingeht (z.B. Gold bei der Schmuckerzeugung). Beispiel: Eisen- und Stahlindustrie richtete sich bis vor kurzem nach dem Fundort der Kohle.

2. Arbeitsorientierung: Orientierung nach ausreichenden Arbeitskräften sowie nach geringen Lohnkosten. Oft sind auch Bewohner bestimmter Gebiete schon traditionsgemäß auf die Herstellung bestimmter Produkte eingestellt (z.B. Textilien in Vorarlberg, Möbelindustrie in Oberitalien usw.); spielt vor allem bei arbeitsintesiven Betrieben eine große Rolle. Oft treten Probleme auf, Führungskräfte in entlegene Gebiete mit entsprechendem Arbeitskräftereservoirzu engagieren, weil diese Gebiete oft nur einen geringen Freizeitwert besitzen. Als bedeutender und zunehmend entscheidender Standortfaktor kommt daher die Verfügbarkeit von Mitarbeitern mit bestimmten Qualifikationen zum Tragen.

3. Energieorientierung: Die Energieorientierung hat seit Einführung der Elektrizität stark an Bedeutung verloren. Früher: Mühlen an Wasserläufen, Eisenhütten in waldreichen Landschaften (Holzkohle).

4. Absatzorientierung: Absatzorientiert sind Wirtschaftszweige, die engen Kontakt zum Absatzgebiet haben müssen (z.B. Nahrungsmittelbetriebe, Baugewerbe). Tonnen Roh- und Hilfsstoffe zusammengeführt werden.

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