Hölzel-Journal

Wirtschaftskundliches Seminar

WIRTSCHAFTSKUNDLICHES SEMINAR - Folge 41: Wandel der Standortfaktoren

16. Februar 2019

Von: Wilhelm Malcik und Reinhard Schachermeier

Mag. Wilhelm Malcik und Dkfm. Mag. Reinhard Schachermeier Das WIRTSCHAFTSKUNDLICHE SEMINAR ist eine „Fortsetzungsgeschichte“ zur Vertiefung wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftspädagogischer Kenntnisse. Jedes neue HÖLZEL-JOURNAL setzt das Seminar in kleinen Einheiten als Download fort und folgt damit in überarbeiteter Form dem Handbuch zur Wirtschaftskunde in vier Bänden, wie es von 1990 bis 2001 bei Ed. Hölzel in mehreren Auflagen erschienen ist.

13.3 Wandel der Standortfaktoren

Standortfaktoren verändern sich im Laufe der Zeit. Eines der eindruckvollsten Beispiele dafür liefert die Eisen- und Stahlindustrie. Nach der klassischen Standortlehre ist der günstigste Platz für ein Stahlwerk dort, wo die Transportkosten für die Heranführung der riesigen Rohstoffmengen und für den Abtransport der Zwischen- und Fertigprodukte zu den Abnehmern möglichst gering sind.

Denn um 2,5 Tonnen Rohstahl zu erzeugen, müssen rund 8 Mio. Tonnen Roh- und Hilfsstoffe zusammengeführt werden. Deshalb wurden im 19. Jahrhundert die Stahlwerke in der Nähe von Kohlenlagerstätten errichtet

  • weil man um 1800 zur Erzeugung von 1 Tonne Roheisen 4 Tonnen Kohle oder 2,5 Tonnen Koks benötigte;
  • weil das meist teurere Erz die Transportkosten besser vertrug (nur geringwertige Eisenerze vertragen keine hohen Transportkosten und zogen Hüttenwerke an ihren Standort);
  • weil die Kohlenreviere auch andere Industrien anzogen und deshalb für den Absatz des Stahls einen nahen und damit günstigen Markt darstellten.

Die Kohlenreviere verloren in dem Maße an Attraktivität als Standort der Hüttenindustrie, in dem der zur Stahlerzeugung notwendige Koksanteil sank. Heute benötigt man nur noch halb so viel Koks wie Eisenerz. Aber auch Erdöl, Erdgas und elektrische Energie ersetzen die Kohle. Darüber hinaus hat eine Verbilligung der Schiffsfrachtendie historische Bindung der Stahlindustrie an die altbekannten Kohle- und Erzlager gelockert. Dazu kommt, dass die alten Eisen- und Stahl produzierenden Länder Europas und Amerikas bereits in hohem Maße von importierten Erzen abhängig wurden.

Daher herrscht heute in der Standortwahl der Stahlindustrie eine Beweglichkeit, die man früher für unmöglich gehalten hat. Die neuen Stahlwerke werden unabhängig von jeder Rohstoffbasis an Küsten- und Hafenstädten (auch im Binnenland) errichtet.
Die zunehmend größere Tonnage der Schiffe erlaubt es, reichhaltige Erze und billige Kohle aus großen Entfernungen kostengünstig heranzubringen. Dabei können die Erzeugnisse dann entweder in unmittelbarer Nähe (Hafenindustrie, Werften) oder in den aufstrebenden Entwicklungsländern abgesetzt werden. Das Beispiel der Stahlindustrie zeigt, dass es heute auch ohne entsprechende Naturausstattung (Rohstofflager) ökonomisch möglich ist, ohne Grundstoffe aus dem eigenen Land eine Industrie aufzubauen. Alte Standorte erfahren auf diese Weise eine Umbewertung durch technologische Änderungen. Auf Grund der hohen Investitionen in der Grundstoffindustrie ist aber ein großes Beharrungsvermögen einmal gewählter Standorte festzustellen. Bei der Untersuchung älterer Industriegebiete wird man immer wieder auf konsistente Raummuster stoßen, deren Existenz unter heutigen Bedingungen nicht mehr verständlich scheint.

13.4 Moderne Standortfaktoren

Für die moderne Standorttheorie ist die Wahl des optimalen Standortes ein Kostenproblem und ein Erlösproblem, das in Gewinn- und Rentabilitätsüberlegungen mündet.

Die modernen Standortfaktoren können die traditionellen Standortfaktoren zwar nicht ersetzen, bereichern aber die unternehmerischen Entscheidungskriterien um Überlegungen, die früher unwesentlich waren. Auf zwei dieser Überlegungen soll hier näher eingegangen werden: auf die Konkurrenzorientierung im Raum und auf die Agglomerationsorientierung.

Bei räumlichen Konkurrenzproblemen geht es um die Beziehung zwischen Produktionskosten, Nachfragebedingungen, Transportkosten und den (vom Standpunkt des Produzenten) optimalen Preisen.

Wichtige Aspekte räumlicher Konkurrenz lassen sich an folgendem klassischen Beispiel verdeutlichen. Betrachten wir einen Strand, auf dem Menschen gleichmäßig verteilt sind. Nehmen wir an, dass jede Person einen Eisbecher konsumiert und bestrebt ist, diesen beim nächstgelegenen Eisverkäufer zu kaufen. Gibt es nur einen Eisverkäufer, so wird dieser nicht weiter auf seinen Standort achten. Ist der Eisverkäufer im Mittelpunkt des Strandes lokalisiert, so wird die von den Kunden im Mittel zurückgelegte Wegstrecke minimiert.

Abb.: Eisverkäuferbeispiel: Wettbewerb entlang einer Geraden

Betrachten wir nun den Fall von zwei Eisverkäufern X und Y, die am Strand lokalisiert sind. Beide verkaufen zu denselben Preisen. Verkäufer X wird an alle Kunden links seines Standortes und Verkäufer Y an alle rechts seines Standortes Eis verkaufen. Die Kunden, die sich zwischen den beiden Standorten befinden, werden je zur Hälfte aufgeteilt. Nachdem Verkäufer X die Lage analysiert hat, verlagert er seinen Standort nahe an Y, um so seinem Konkurrenten möglichst viele seiner Kunden wegzunehmen, ohne selbst einen einzigen Kunden zu verlieren. Verkäufer Y reagiert auf die veränderte Nachfrage, indem er über X hinweg auf die andere Seite des Strandes wechselt. Es ist leicht zu sehen, dass unter den Bedingungen des freien Wettbewerbs im Endstadium beide Eisverkäufer ihren Standort in der Mitte des Strandes wählen werden. Weder X noch Y kann durch Standortverlegungen die Anzahl seiner Kunden vergrößern. Der von den Kunden zurückgelegte Weg wird ein Viertel der Länge der Strandes betragen. Diese mittlere Distanz ist allerdings unnötig lang: Wären die Eisverkäufer in den Viertelpunkten lokalisiert, würde sich die mittlere Distanz für die Kunden um die Hälfte reduzieren. Die beiden Eisverkäufer würden immer noch die gleichen Umsätze erzielen. Zur Realisierung dieser Lösung ist es aber notwendig, dass die beiden Eisverkäufer einander versichern, keine Standortverlagerungen vorzunehmen (W. Alonso, Location Theory, 1964).

Unter Agglomerationsvorteilen versteht man Kostenersparnisse, die sich aus der räumlichen Konzentration von Betrieben und Produktionsfaktoren am gleichen Standort ergeben.

Bei Agglomerationsvorteilen handelt es sich um Kosten reduzierende Effekte, die aus der Anwesenheit anderer Betriebe (private Betriebe und öffentliche Einrichtungen) resultieren. Zum Beispiel kann ein Unternehmen davon profitieren, dass ein anderes Unternehmen derselben Branche mehr Lehrlinge als benötigt ausbildet. Ein gemeinsamer branchenspezifischer Arbeitsmarkt mit einem bestimmten Facharbeiterreservoir, das Vorhandensein vieler Zulieferbetriebe, Verwaltungseinrichtungen, Verkehrsknotenpunkte oder Finanzierungsdienstleistungen können ebenfalls von mehreren Unternehmen in Anspruch genommen werden. Kommunikationswege werden dadurch verkürzt.

Allgemein gilt: Je größer die Agglomerationsvorteile sind, desto größer ist der Trend zur räumlichen Konzentration ökonomischer Aktivitäten. Aber dem Agglomerationsvorteil stehen auch Agglomerationsnachteile gegenüber, die bei der Standortwahl berücksichtigt werden müssen. Dazu zählen z.B. steigende Bodenkosten, Verkehrsprobleme oder Abfallbeseitigungsprobleme.

Moderne Standortfaktoren

1. Konkurrenzorientierung: Betriebe wählen die räumliche Nähe zu ähnlichen Betrieben.
Damit wird die Chancengleichheit im Kampf um Marktanteile aus räumlicher Sicht erhöht. Auf diese Weise entsteht die städtische Viertelsbildung, z.B. bei Banken, Kliniken, Möbelhäusern, Textilgeschäften usw.

2. Agglomerationsorientierung: Durch die Anwesenheit anderer gleicher oder ähnlicher Betriebe resultieren Kostenersparnisse. Industrielle Ballungsräume, Industrieparks oder Industrieansiedlungsflächen sind Ergebnis solcher Agglomerationseffekte.

3. Grundstücksorientierung: Mit zunehmender Industrialisierung und auf Grund von Umweltauflagen wird es immer schwieriger, geeignete Grundstücke zu einem angemessenen Preis (Agglomerationsnachteile) zu erhalten.

4. Umweltorientierung: Bestimmte Gebiete stehen heute als Standort nicht mehr zur Verfügung oder durch Umweltschutzmaßnahmen entstehen hohe Kosten.

5. Orientierung an der politischen Sicherheit: Die politische Sicherheit spielt vor allem bei der internationalen Standortwahl eine wesentliche Rolle, weil bei politisch instabilen Verhältnissen oft die Investitionen gefährdet.

6. Verkehrsorientierung: Große Umschlagplätze (Hafenstädte) und Verkehrsknotenpunkte werden bevorzugt (z.B. Baumwoll- und Getreidehandel, Kaffeeröstereien). Verkehrsorientierung hat heute oft den Vorzug gegenüber der Rohstofforientierung.

7. Abgabenorientierung: Die zu zahlenden Abgaben und Steuern sind der ausschlaggebende Faktor. Dies spielt international eine große Rolle, weil die Steuerbelastung in jedem Land unterschiedlich ist. Aber auch national gibt es erhebliche Unterschiede, weil zum Teil Gemeinden Industriebetriebe mit Steuerermäßigungen anlocken.

8. Subventionen- und Investitionshilfeorientierung: Die Orientierung an Subventionen und Investitionshilfen hängt mit der Abgabenorientierung zusammen und spielt in Österreich eine große Rolle. Bund und Länder bemühen sich, Industriebetriebe in bestimmten Problemgebieten anzusiedeln, um Arbeitsplätze zu sichern oder neue zu schaffen.

Arbeitsblatt - Kopiervorlage Standortfaktoren

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